In Gedenken an
Prof. Dr. med. Walter Kirsche
21.Juni 1920 – 30. Juni. 2008
In welcher Gänze sich Professor Walter Kirsche für den Schutz des Lebens und der Natur einsetzte, erfuhr jeder Besucher des weiträumigen Gartens der Familie Kirsche in Pätz gleich hinter dem Garteneingang. Da gab es eine kleine Brücke, nicht etwa über einen Wasserlauf, sondern über eine „Waldameisenstraße“ führt. Jeder Besucher trat über die Brücke in den Garten, die ansonsten übersehenen kleinen Tiere wurden so auf einfache, aber konsequente Weise vor tödlichen Fußtritten geschützt und: der „Eintretende“ machte sich unweigerlich seine persönlichen Gedanken zur Erhaltung des Lebens.
Walter Kirsches ganzes Leben war geprägt vom Einsatz für das Leben und die Natur. Geboren 1920 in Neu-Oelsnitz im Erzgebirge förderten die Eltern bereits in seiner frühen Kindheit das Interesse und die Hinwendung zur Natur. Mit zehn Jahren pflegte er seine erste Landschildkröte, diese Tiere begleiteten ihn später sein ganzes Leben. Nach der Schulzeit entschloss er sich, Medizin zu studieren. Unterbrochen durch den kriegsbedingten Einsatz im Sanitätsdienst, hier erfuhr er die Leiden des furchtbaren Krieges, beendet er 1945 in Berlin mit dem Staatsexamen seine Studium und erhält seine Bestallung zum Arzt. Sein weiterer beruflicher Weg führt ihn in die Forschung und Lehre. Kirsche wird Dozent am anatomischen Institut der Universität Berlin und widmet sich der Hirn- und Nervenzellforschung. Ab 1951 wird er Professor für Anatomie an der Humboldt Universität Berlin, später Direktor des Anatomischen Institutes.
Für seine Forschungen zur Hirnentwicklung dieser Tiere sind Embryonen von noch nicht geschlüpften Schildkröten zu untersuchen. Hier trifft er ein zweites Mal nach seiner Kindheit mit den Schildkröten zusammen. Da diese Tiere und deren Gelege nicht aus der Natur entnommen werden können, richten das Ehepaar Kirsche in ihrem Wohngrundstück in Pätz eine Zuchtanlage für Landschildkröten ein. Die Schildkröten wird Kirsche über seine Forschungsaufgaben hinaus über Jahrzehnte betreuen. Er gehörte zu den ersten, der für diese stark gefährdeten Tiere eine Erhaltungszucht entwickelte und so einen Weg aufzeigte, der heute dazu führt, dass keine europäischen Landschildkröten für die Tierhaltung mehr aus der Natur entnommen werden müssen. Über 1000 nachgezogene Jungtiere gibt er an Tierfreunde weiter. Sein Wissen und seine Erfahrungen über diese Tiere veröffentlicht er 1997 in dem Buch „Die Landschildkröten Europas“.
Prof. Kirsche setzte sich Zeit seines Lebens mit den grundlegenden ethischen Fragesellungen des Lebens und der Lebenserhaltung auseinander und vermittelt dies seine Studenten in überzeugender Weise. Er verwies stetig darauf, welche Bedeutung den Tieren zukommt, die für unsere Kenntnisse in der medizinischen Forschung und für unsere Gesundheit ihr Leben opfern. Die Lehren und philosophischen Grundsätze des Mediziners und Theologen Albert Schweitzer bestimmen sein Wirken in der Forschung und in der medizinischen Lehre ebenso wie in seinem Privatleben. Schweitzers „Ehrfurcht vor dem Leben“ bindet er in seine Vorlesungen zur Anatomie und Hirnforschung mit ein. Er unterstützt Medizinstudenten in ihrer Entscheidung, den Wehrdienst mit der Waffe zu verneinen, in der DDR ein wahrhaft mutiges Bekenntnis.
Prof. Kirsche war eine weit über die Fachgrenzen der Medizin anerkannte Persönlichkeit. 1973 wird der mit dem Nationalpreis der DDR für seine pädagogischen und wissenschaftlichen Leistungen ausgezeichnete. Er war Mitglied und Ehrenmitglied mehrere nationaler und internationaler Gesellschaften und Vereinigungen. Seine Verdienste für den Schutz der Reptilien würdigte die Deutsche Gesellschaft für Herpetologie und Terrarienkunde mit der Ehrenmitgliedschaft.
Dem Schutz der Natur und ihren Lebensformen widmet er sich weit über den beruflichen Aufgabenbereich und der Schildkrötenhaltung hinaus. Kirsche wirkt als Ortsnaturschutzbeauftragter in seinem Heimatort Pätz. Aktiv unterstützt er die Fachgruppe Amphibien- und Reptilienschutz, später wird er Mitglied im NABU Dahmeland.
Er setzt sich für die Ausweisung von Naturschutzgebieten wie der „Kiesgrube Pätz“ ein. Der große, parkartige Garten der Kirsches ist heute ein ausgewiesenes Naturdenkmal. Hier verfolgte Kirsche die Veränderung unserer Natur und Landschaft, so dokumentierte er das Verschwinden zahlreicher Schmetterlinge wie der „Goldenen Acht“. Zahlreiche Bilder der wunderschönen Schmetterlinge dokumentieren Kirsches Neigung zur Naturfotografie.
In allgemeinverständlichen Beiträgen in Zeitschriften wie auch in der regionalen Presse appelliert er für den Umweltschutz und die Achtung der Natur. Er brachte uns ins Bewusstsein, dass auch Fische Schmerz empfinden, wenn sie am Angelhacken hängen.
Seine Absicht, im Jahre 1974 ein populärwissenschaftliches, fachübergreifendes Buch mit dem Thema „Mensch und Umwelt“ zu veröffentlichen, wird leider auf Grund der realen aber zu kritischen Faktensammlung abgelehnt. Die damaligen Entscheidungsträger bringen jedoch nicht den Mut auf, zu ihrer Entscheidung zu stehen. Das fertige Manuskript wird wegen Papiermangel nicht gedruckt.
Ein Teil seiner, dem regionalen Naturschutz übertragene naturkundliche Sammlung mit zahlreichen Schildkrötenpräparaten, Insekten und Fossilen konnten vor einem Jahr in einer Ausstellung im Besucherzentrum des Naturparks Dahme-Heideseen gezeigt werden. Die Ausstellungseröffnung am 21. Juni 2007, seinem 87. Geburtstag, konnte Walter Kirsche noch persönlich miterleben. Ein Jahr später, am 30. Juni 2008, wenige Tage nach seinem 88. Geburtstag, ist Walter Kirsche in seinem Wohnhaus in Pätz verstorben.
Text:
Hans Sonnenberg
Naturpark Dahme-Heideseen
Prieros, 2. Juli 2008
Quelle: DGHT